Singzeit #4: Rippenmobilität für mehr Raum beim Atmen
Titelbild: KI-generiertes Bild
Du holst tief Luft, so tief du kannst, und trotzdem geht dir schon nach wenigen Tönen die Puste aus?
Damit bist du definitiv nicht allein.
Vielleicht denkst du deshalb: „Dann muss ich beim Singen einfach noch mehr Luft holen.“
Aber mehr Luft ist nicht automatisch die Lösung.
Denn beim Singen kommt es nicht nur darauf an, wie viel Luft du einatmest. Genauso wichtig ist, was danach auf Stimmbandebene passiert . Deine Atmung und deine Stimme müssen zusammenspielen.
Heute kümmern wir uns deshalb um einen Teil davon: Wir schauen uns an, wie du deine Atmung besser wahrnehmen kannst und ob wir deinem Körper dabei ein kleines bisschen mehr Raum geben können.
Disclaimer: Wir beschäftigen uns heute mit deiner Atmung und der Beweglichkeit deines Brustkorbs und deiner Rippen. Es gibt zahlreiche individuelle Ursachen für Atemprobleme beim Singen.
Das Wichtigste in Kürze
✨ Beim Einatmen passiert mehr als nur „Bauch raus“: Dein Zwerchfell bewegt sich nach unten, deine Rippen weiten sich und auch dein Bauch darf sich mitbewegen.
✨ 360 Grad Atmung: Bewegung nicht nur nach vorne, sondern auch zu den Seiten und nach hinten.
✨ Mehr Luft ist nicht automatisch besser. Beim Singen kommt es darauf an, Luftfluss und Muskulatur gut zu koordinieren.
✨ Viele von uns nehmen die Bewegung im Rücken beim Einatmen kaum wahr. Mit einfachen Übungen kannst du diese Bewegung bewusster spüren und deinem Körper neue Bewegungsmöglichkeiten geben.
360-Grad-Atmung: Öffne deinen Regenschirm
Vielleicht hast du schon einmal versucht, besonders tief einzuatmen.
Und dann passiert schnell Folgendes:
Brust raus, Bauch raus, noch mehr Luft holen.
Aber genau das meine ich nicht, wenn ich von einer guten Einatmung spreche.
Beim Einatmen passiert nämlich viel mehr in deinem Körper.
Dein Zwerchfell bewegt sich nach unten. Dadurch entsteht Platz für deine Lunge, die sich mit Luft füllen kann. Und weil im Körper alles miteinander verbunden ist, reagiert dein Bauch auf die Bewegung des Zwerchfells nach unten.
Ich stelle mir das gerne wie einen Regenschirm vor:
Beim Einatmen öffnet er sich.
Beim Ausatmen schließt er sich wieder.
Dabei musst du deinen Bauch nicht bewusst nach vorne drücken. Dein Bauch darf sich einfach mitbewegen als Reaktion auf die Bewegung des Zwerchfells.

Geht dein Atem auch nach hinten?
Genau das kannst du jetzt einmal ausprobieren.
Leg deine Hände seitlich auf deine unteren Rippen.
Atme ganz entspannt ein.
Was spürst du?
Bewegen sich deine Hände ein kleines Stück nach außen?
Oder geht die Bewegung vor allem nach vorne?
Jetzt leg deine Hände etwas weiter nach hinten an deinen unteren Brustkorb.
Atme wieder ein.
Kannst du dort ebenfalls eine Bewegung wahrnehmen?
Viele meiner Teilnehmerinnen sind bei diesem kleinen Test erst einmal überrascht.
„Da hinten bewegt sich ja fast gar nichts.“
Und genau deshalb finde ich diese Übung so spannend.
Wir denken beim Einatmen oft automatisch an den Bauch oder daran, die Brust nach vorne zu bringen. Dabei kann dein Körper noch viel mehr Raum nutzen.
Das bedeutet nicht, dass du jetzt bei jedem Atemzug pinibel darauf achten musst, dass sich wirklich alles perfekt in alle Richtungen bewegt.
Es geht vielmehr darum, deinem Körper diese Bewegung überhaupt wieder bewusst zu machen.
Denn vielleicht ist genau dort etwas, das du bisher beim Atmen kaum wahrgenommen hast.
Und was hat das mit deinem Zwerchfell zu tun?
Das Zwerchfell kannst du dir vereinfacht wie eine große bewegliche Fläche unterhalb deiner Lunge vorstellen.
Wenn du einatmest, bewegt es sich nach unten.
Dadurch kann sich deine Lunge ausdehnen und dein Körper schafft Platz.
Dieser Platz entsteht nicht nur vorne.
Dein Brustkorb kann sich rundherum weiten und auch dein Bauch darf darauf reagieren.
Deshalb finde ich die Vorstellung von „in den Bauch atmen“ oft etwas missverständlich.
Du atmest nicht in deinen Bauch.
Die Luft ist in deiner Lunge.
Aber dein Bauch darf sich beim Einatmen bewegen, weil dein Zwerchfell und der Raum in deinem Bauch dabei mit im Spiel sind.
Du musst also nicht versuchen, deinen Bauch aktiv nach vorne zu schieben.
Viel hilfreicher ist die Vorstellung:
Ich lasse beim Einatmen Raum in meinem Körper entstehen.
Warum kann mehr Rippenbewegung beim Singen hilfreich sein?
Wenn dein Brustkorb wenig beweglich ist, kann sich deine Einatmung möglicherweise enger oder eingeschränkter anfühlen.
Vielleicht kennst du das Gefühl:
„Ich kann einfach nicht richtig tief einatmen.“
Oder du hast das Gefühl, dass du beim Singen schon nach wenigen Tönen wieder dringend Luft brauchst.
Rippenmobilität ist dabei natürlich nicht die einzige mögliche Erklärung. Auch das, was beim Ausatmen und an deinen Stimmlippen passiert, spielt eine wichtige Rolle.
Aber bevor wir uns darum kümmern, können wir uns einmal anschauen:
Wie viel Bewegung und Raum lasse ich meinem Körper überhaupt beim Einatmen?
Und genau das machen wir jetzt in deiner Singzeit.
Singzeit #4: Deine Atem-Einheit für mehr Rippenmobilität
Jetzt probieren wir das Ganze einmal praktisch aus.
Nimm dir ungefähr 10 Minuten Zeit.
Und wie immer bei meinen Singzeit-Übungen gilt:
Du musst nichts erzwingen.
Wir wollen erst einmal wahrnehmen, bewegen und ausprobieren.
Schritt 1: Dein Ausgangspunkt
Bevor wir etwas verändern, schauen wir uns an, wie deine Atmung gerade ist.
Leg deine Hände seitlich auf deine unteren Rippen.
Atme entspannt ein und aus.
Beobachte:
- Spürst du eine Bewegung zur Seite auf beiden Seiten?
- Bewegt sich eine Seite mehr als die andere?
Dann lege deine Hände auf der gleichen Höhe auf deinen Bauch und deinen Rücken
- Wie ist die Bewegung nach vorne?
- Spürst du auch hinten eine Bewegung?
- Bewegt sich dein Bauch mit?
- Heben sich deine Schultern? (versuch sie zu entspannen)
- Wird dein Nacken aktiv?
- Wo spürst du am meisten Bewegung?
- Wo am wenigsten?
Du musst nichts korrigieren.
Nur beobachten.
Jetzt mach noch einen kleinen Atemtest:
Atme ein und atme anschließend auf einem langen „Sssss“ aus.
Wie lange kannst du ungefähr ausatmen?
Du musst keine Bestzeit schaffen. Es geht nur darum, einen Ausgangspunkt zu haben.
Und wenn du möchtest, sing anschließend eine kurze Zeile aus einem Lied.
Das hier ist unser Ausgangspunkt. Wir machen nach den Übungen genau das gleiche nochmal, um zu schauen, ob die Übungen bei dir einen Unterschied machen.
Schritt 2: Bewegung in deinen Brustkorb bringen
Jetzt machen wir drei Übungen.
1. Die Handtuch-Übung
Nimm ein dünnes Handtuch und lege es ungefähr auf Höhe deines unteren Brustkorbs um deinen Körper.
Halte die Enden vorne zusammen und gib deinem Brustkorb damit einen sanften Widerstand.
Jetzt atmest du ein.
Versuch nicht, das Handtuch mit aller Kraft auseinanderzudrücken.
Spür stattdessen:
Kann sich dein Brustkorb trotzdem weiten?
Vielleicht merkst du dadurch plötzlich viel deutlicher, was deine Rippen eigentlich machen.
Das Handtuch gibt deinem Körper einfach ein bisschen Feedback.
Du kannst es etwas enger halten, wenn sich das angenehm anfühlt.
Aber bitte nicht so fest, dass deine Atmung extrem eingeschränkt wird.
Es geht nicht darum, gegen das Handtuch zu kämpfen.
2. Katze-Kuh
Komm auf alle Viere.
Beim Einatmen lässt du deinen Rücken sanft in ein leichtes Hohlkreuz sinken und öffnest deinen Brustkorb.
Beim Ausatmen rundest du deinen Rücken und schiebst so richtig den Boden unter den Händen weg
Dann wieder:
Einatmen → öffnen.
Ausatmen → runden.
Mach das ungefähr 6 bis 8 Mal in deinem eigenen Tempo.
Du musst dabei keine besonders große Bewegung machen.

3. Nadelöhr
Bleib auf allen Vieren.
Hebe einen Arm nach seitlich oben und drehe deinen Oberkörper sanft mit.
Dann führst du den Arm unter deinem anderen Arm hindurch, bis deine Schulter und vielleicht auch deine Wange Richtung Boden kommen.
Atme dabei ruhig weiter.
Spür einmal in die Seite deines Brustkorbs.
Vielleicht bemerkst du dort jetzt mehr Länge oder Raum.
Dann komm zurück und mach die Übung auf der anderen Seite.
Schritt 3: Zwischen-Check
Jetzt gehen wir noch einmal zurück zu deinem Ausgangspunkt.
Leg deine Hände auf deine unteren Rippen.
Atme ein.
Was ist jetzt anders?
Vielleicht spürst du die seitliche Bewegung etwas mehr.
Vielleicht bemerkst du zum ersten Mal Bewegung im Rücken.
Vielleicht fühlt sich die Einatmung freier an.
Und vielleicht merkst du auch noch keinen großen Unterschied.
Auch das ist völlig okay.
Denn das Ziel dieser Übungen ist nicht, dass dein Körper nach zehn Minuten plötzlich komplett anders funktioniert.
Es geht erst einmal darum, deine Wahrnehmung zu schärfen und Bewegung zu ermöglichen.
Schritt 4: Nervensystem regulieren
Jetzt mach es dir bequem.
Du kannst sitzen oder liegen.
Atme ruhig ein.
Und dann etwas länger aus.
4 Sekunden ein (durch die Nase)
6 Sekunden aus (durch den Mund)
Du musst die Zeiten nicht exakt einhalten. Es geht vor allem darum, dass du länger ausatmest als einatmest. Denn das aktiviert dein parasympathisches Nervensystem, was für Ruhe, Erholung und Verdauung zuständig ist. Durch diese kurze Nervensystem-Übung bringen wir den ganzen Körper in einen entspannteren Zustand.

Schritt 5: Dein Abschluss-Check
Zum Schluss wiederholen wir noch einmal deine Tests vom Anfang.
Einatmen.
Vorne:
Was macht dein Bauch?
Seitlich:
Kannst du Bewegung spüren?
Hinten:
Bewegen sich auch die hinteren Rippen?
Dann noch einmal dein „Sssss“.
Und anschließend dieselbe kurze Songzeile.
Vielleicht merkst du einen deutlichen Unterschied.
Vielleicht ist es nur eine kleine Veränderung.
Vielleicht hast du vor allem ein besseres Gefühl dafür bekommen, wo und wie dein Körper beim Atmen arbeitet.
Auch das ist wertvoll.
Mehr Luft? Nicht unbedingt.
Vielleicht hast du heute gemerkt, dass du gar nicht mehr Luft braucht, sondern manchmal einfach ein kleines bisschen mehr Raum/Platz/Weite.
Und genau da lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Was macht dein Körper beim Singen eigentlich gerade?
Denn deine Atmung ist nur ein Teil des Ganzen. Auch auf Stimmbandebene passiert jede Menge, während du singst. Beides gehört zusammen.
Wenn du herausfinden möchtest, was deine Stimme gerade braucht, schauen wir uns das in einer 1:1 Probestunde gemeinsam an.
Ich freu mich, dich kennenzulernen. 🤍

Über die Autorin

👋 Ich bin Lena, Gesangslehrerin & Nervensystem-Coach.
🎤 Seit über 15 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Gesang und habe neben eigenem wöchentlichen Gesangsunterricht Ausbildungen als Stimmtherapeutin, Mental Coach und Female Empowerment Coach absolviert.
🎶 Mein Ansatz: Ich verbinde moderne Stimmtechnik mit fundiertem Wissen über Nervensystem und Stressregulation.
✨ Mein Ziel: Erwachsene & Jugendliche online beim Singen lernen zu begleiten – damit sie ihre Stimme lieben lernen und gleichzeitig ihr Selbstvertrauen stärken.
Häufige Fragen zum Singen üben
Du musst dafür keine lange Trainingseinheit einplanen.
Schon ein paar Minuten mehrmals pro Woche können dir helfen, die Bewegungen beim Atmen bewusster wahrzunehmen.
Wichtig ist vor allem, dass du regelmäßig kleine Impulse setzt.
Dann ist das zunächst einfach eine interessante Beobachtung.
Vielleicht hast du diese Bewegung bisher wenig wahrgenommen.
Probier die Übungen regelmäßig aus und schau, ob sich deine Wahrnehmung und deine Beweglichkeit mit der Zeit verändert.
Du musst dabei nichts erzwingen. Wenn du möchtest, dass wir uns das mal ganz individuell anschauen, buch dir gerne eine Probestunde.
Nein, das würde nur unnötige Spannung aufbauen. Probier es gerne mal aus: Atme ein & drück den Bauch mit Muskelkraft raus und spür mal, wie sich dein Hals anfühlt: enger oder weiter?
Vermutlich spürst du, dass dein ganzer Körper etwas verkrampft.
Wenn sich dein Zwerchfell beim Einatmen nach unten bewegt, entsteht im Bauchraum weniger Platz. Dein Bauch kann darauf mit einer Bewegung nach außen reagieren.
Du kannst dir deshalb eher sagen:
„Ich lasse Raum entstehen.“
statt:
„Ich muss meinen Bauch herausdrücken.“
Dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Rippenmobilität ist nur ein Teil deiner Atmung beim Singen.
Auch deine Stimmtechnik, der Umgang mit Luft und Druck, die jeweilige Phrase und andere Gewohnheiten können eine Rolle spielen.
Manchmal lohnt sich ein genauerer Blick darauf, wie Atem und Stimme bei dir zusammenspielen.
