15 Jahre Gesangsunterricht – Das hätte ich gerne früher gewusst!

Ich wollte schon immer Gesangsunterricht nehmen.
Seit ich sprechen kann, singe ich, und ja, ich weiß, das klingt wie eine Floskel, aber es war wirklich so.

In jeder freien Minute habe ich versucht, Songs und Choreos von Popstars (wer kennt’s noch?) nachzusingen und nachzutanzen. Ich habe mir Texte ausgedruckt, sie auswendig gelernt und performt.

Als ich dann endlich – nach vier Jahren Blockflöte und vier Jahren Klavier – Gesangsunterricht nehmen durfte, war ich soo happy.

Heute, 15 Jahre später, weiß ich so viel mehr über die Stimme. Ich habe selbst eine Ausbildung zur Stimmtherapeutin gemacht, zahlreiche Gesangsweiterbildungen absolviert und weiß inzwischen, wie viel schneller ich Fortschritte hätte machen können.

Wichtig hier zu sagen: Gesang war für mich immer ein Hobby. Ich habe auch nicht immer super viel geübt. Ich habe vor allem einfach gesungen. Und genau das ist auch schon mein erstes Learning (heute gibt es insgesamt 9). Viel Spaß!

Das Wichtigste in Kürze

Gesangsunterricht bedeutet nicht nur, Technik zu lernen oder Töne besser zu treffen. Wirkliche Veränderung entsteht dann, wenn klar ist, wie die Stimme funktioniert – im Zusammenspiel mit Körper und Nervensystem. Nur Lieder zu singen macht Spaß, gezielte Übungen sorgen dafür, dass sich etwas nachhaltig verändert.

Fortschritte entstehen nicht durch Perfektion, sondern durch regelmäßiges Üben und ein grundlegendes Verständnis für das, was man tut. Das Nervensystem spielt dabei eine größere Rolle, als viele denken: Wer gestresst oder innerlich unter Druck steht, hält oft unbewusst Spannung – und genau das hört man der Stimme an. Auch körperliche Spannungen, zum Beispiel im Kiefer oder in der Zunge, beeinflussen den Klang deutlich.

Learning #1: Gesangsübungen lohnen sich!

Ich habe meistens einfach nur Lieder gesungen und nicht wirklich Übungen gemacht.

Ich hatte zwar alle Übungen in meinem Heft stehen – meine Gesangslehrerin hat sie mir immer aufgeschrieben – aber ganz ehrlich: Oft war ich einfach zu faul, mich ans Klavier zu setzen und wirklich zu üben.

Dazu kam, dass ich lange nicht verstanden habe, wofür welche Übung eigentlich sinnvoll ist und was sie mir konkret bringt.

Was mir heute extrem hilft, dranzubleiben, ist genau das: In der Tiefe zu verstehen, was eine Übung macht. Ich weiß, das will nicht jeder – deshalb frage ich meine Schülerinnen auch immer:

Willst du einfach singen und üben oder willst du deine Stimme wirklich verstehen und zu deinem eigenen Vocal Coach werden?

Und noch etwas, das für mich einen riesigen Unterschied macht: Ich brauche ein Playback für meine Übungen. So übe ich einfach besser, regelmäßiger und es macht mir 100x mehr Spaß als ohne.

Und genau das bringt mich zu Learning Nummer 2.

Learning #2: Kenne deinen Lerntyp

Beziehungsweise: versuche herauszufinden, was dich wirklich zum Üben motiviert.

Denn Singen ist wie Sport. Du nutzt deine Muskeln = sie werden stärker. Du nutzt sie nicht oder nicht richtig = sie werden schwächer oder ungünstige Stimmgewohnheiten verstärken sich.

Und hier ist jede*r anders.

Deshalb frag dich ehrlich: Was motiviert mich eigentlich zu üben?

Brauche ich aufgenommene Übungen? Reicht mir eine Virtual-Piano-App? Oder hilft es mir, die Übung selbst anzuspielen und mir meinen eigenen Rahmen zu schaffen?

Es gibt hier kein richtig oder falsch. Entscheidend ist nur, dass du einen Weg findest, der für dich funktioniert, nicht den, von dem du glaubst, dass er „richtig“ wäre.

Learning #3: Finde deine Sing-Überoutine & mach sie zur Gewohnheit

Ich sehe das bei einigen meiner Schüler*innen immer wieder.
Am Anfang der Stunde frage ich: Was hast du gesungen? Welche Übungen hast du gemacht?

Nicht, um zu kontrollieren, sondern um zu schauen, wo wir weitermachen können.

Und oft höre ich: Nee, Übungen habe ich keine gemacht. Ich hab’s nicht geschafft.

Versteh mich nicht falsch: Ich war genau so.

Und trotzdem muss ich sagen: Meine Stimme hat sich erst dann nochmal deutlich verbessert, als ich angefangen habe, regelmäßig zu üben – mit einem klaren Fokus. Und als ich drangeblieben bin, auch wenn es am Anfang richtig schwer war.

Ich weiß, diesen Vergleich liest du hier bei mir öfter. Aber Singen ist wie Fitnessstudio. Du machst etwas und merkst erst mal keine großen Veränderungen. Wenn du aber dranbleibst – und das geht meiner Meinung nach beim Singen sogar schneller als im Gym – verändern sich Dinge. Du etablierst neue, gesunde Stimmgewohnheiten und kannst plötzlich Songs singen, die für dich vor wenigen Wochen noch unerreichbar erschienen.

Wenn du also schon länger Gesangsunterricht nimmst und irgendwie das Gefühl hast, dass du keine Fortschritte machst, dann sei ehrlich zu dir:

Übst du?
Machst du die Übungen, die dir deine Gesangslehrerin oder dein Gesangslehrer gibt, regelmäßig?

Und wenn nein: Warum nicht?

Ich weiß, das ist keine angenehme Frage. Sei hier trotzdem ehrlich zu dir und stelle sie dir – nicht aus Bewertung, sondern aus Neugier.

Vielleicht verstehst du eine Übung nicht. Vielleicht weißt du nicht, wofür sie gut ist. Vielleicht gefällt sie dir einfach nicht und es gibt eine Alternative, die dir mehr Spaß bringt.

Wegschauen hilft hier nicht. Ehrlich hinschauen schon. Auch wenn es sich kurz unangenehm anfühlt – langfristig bringt es dir deutlich mehr.

Wenn du jetzt motiviert bist, eine regelmäßige Übungsroutine zu starten, schau gern bei diesem Artikel vorbei: Wie oft solltest du singen üben – und wie lange pro Tag?

Learning #4: Hab einen klaren Plan

Mal hier ne Atemübung, mal dort etwas für die Bruststimme – das hilft ehrlich gesagt nicht besonders viel. Oder besser gesagt: Es schiebt deinen Fortschritt eher nach hinten.

Ich arbeite deshalb mit einem klaren Plan, vor allem bei Anfängerinnen. Und das mache ich mit **jeder** Schüler*in.

Nicht jede Person bekommt die gleichen Übungen. Dafür ist der individuelle Stimmtyp entscheidend.

Bist du eher bruststimmendominiert oder kopfstimmendominiert?
Ist dein Kehlkopf tendenziell eher hoch oder eher niedrig?
Welche bisherigen Stimmgewohnheiten bringst du mit?

Aber: Die Reihenfolge, in der wir die Dinge angehen, ist bei mir immer die gleiche.

Zuerst geht es um die Lockerung des Körpers. Um die Regulation des Nervensystems. Um Tension Release – also darum, Spannungen im Körper gezielt abzubauen.

Danach kümmern wir uns um Atmung: Einatmung, Ausatmung und Support.

Dann geht es weiter mit Stimmlippenschluss, Bruststimme, Kopfstimme und Mischstimme.

Und zwischendurch ist immer Platz für Style und Soul. Für Emotion, Ausdruck, Musikalität.

Denn Technik ohne Gefühl klingt irgendwie langweilig.

Also nutz auch für deine Überoutine einen klaren Plan: Welchen Fokus hast du gerade? Und welche Übungen helfen dir dabei? Und dann fokussiere dich für ein paar Wochen nur darauf und Watch The Magic :).

Learning #5: Das Nervensystem spielt beim Singen lernen eine große Rolle

Vor ein paar Wochen hatte ich wieder so einen Moment, der mir das ganz deutlich gezeigt hat.

Ich war ziemlich gestresst und habe deshalb vor dem Gesangsunterricht noch fünf Minuten Nervensystemübungen gemacht (genauer gesagt: 1 Minute Butterfly Tap 1 Minute Summen, das jeweils 2x)

Ich hab das ohne Ziel gemacht. Einfach nur, um mein Nervensystem runterzufahren.

Und ich sage dir: Das war eine der besten Gesangsstunden seit Langem.

So leicht konnte ich schon lange nicht mehr hoch singen. Es hat sich freier angefühlt, stabiler und v.a. müheloser.

Und das war wieder einmal der Beweis für mich, welche riesige Rolle das Nervensystem beim Singen spielt.

Wenn du tiefer eintauchen willst, lies dir unbedingt diesen Artikel durch: Nervensystem beim Singen: Warum Gesangstechnik allein nicht reicht

Learning #6: Tension Release is key

Für guten, freien Gesang brauchen wir den ganzen Körper – nicht nur unsere Stimmbänder.

Und wenn wir unseren ganzen Körper benutzen, ist eigentlich klar, dass Spannungen in unterschiedlichen Körperbereichen die Qualität unseres Gesangs beeinflussen.

Trotzdem kommt genau das im Gesangsunterricht oft zu kurz.

Und du wirst nicht glauben, welchen Einfluss Kieferspannung auf unsere Stimme hat. Oder Zungenspannung. Ja, auch dort kann sich während des Singens unglaublich viel Spannung aufbauen – und sie beeinflusst den gesamten Klang.

I know, das ist craazy!

Und genau deshalb ist Tension Release Teil jeder meiner Stunden.

Denn du kannst noch so lange an deiner Bruststimme, deiner Kopfstimme oder deinem Mix arbeiten – wenn der Körper Spannung hält, wird der Klang immer davon beeinflusst.

Learning #7: Verlier niemals den Spaß am Singen

Ich bin beim Singen sehr perfektionistisch und will schnell Fortschritte machen (wer kennt’s?)

Aber bei all den Übungen, die uns näher an unseren Wunschzustand bringen, dürfen wir eins nicht vergessen: einfach mal unser Lieblingslied zu singen.

Mit voller Emotion.
Ohne Technik.

Ja – Scheiß auf Technik. Und ja, das sage ich als Gesangslehrerin.

Ich kenne das selbst nur zu gut: Ich singe und bin bei jedem Ton im Kopf damit beschäftigt, wie ich ihn technisch richtig mache. Und das kann unglaublich anstrengend sein.

Deshalb: Mindestens einmal pro Woche einfach nur singen. Ohne zu analysieren. Ohne zu korrigieren. Einfach fühlen.

Und falls dir das schwerfällt, hier ein kleiner Reminder:

Singen ist nicht nur Technik. Es geht um Emotion.

Ich höre persönlich lieber jemandem zu, der Emotionen transportiert, als jemandem, der technisch perfekt singt, bei dem aber nichts bei mir ankommt.

Also: Feel it.

Learning #8: Keine Angst vor komischen Geräuschen

Ich habe viel zu lange versucht, schon bei den Übungen „schön“ zu klingen.

Rückblickend war das einer der größten Bremsklötze in meiner Entwicklung.

Erst durch viele Gesangs-Weiterbildungen habe ich verstanden, dass Gesangsübungen nicht dafür da sind, schön zu klingen. Sie dürfen – und sollen – sich manchmal komisch anfühlen und auch so klingen.

Ich arbeite mit dem Prinzip des Opposite Trainings.
Das heißt: Wenn dein Kehlkopf beim Singen dazu tendiert, zu hoch zu gehen, trainieren wir eine tiefere Kehlkopfposition, um danach in Stimmbalance zu kommen.

Ich sehe oft, dass Schüler*innen sich genau hier zurückhalten, weil sie Angst haben, sich lächerlich zu machen oder etwas „falsch“ zu machen.

Aber genau diese Geräusche sind oft der Schlüssel.

Wenn du dir erlaubst, in den Übungen loszulassen und nicht gut klingen zu müssen, entsteht später im Gesang viel mehr Balance & Natürlichkeit.

Learning #9: Singen kann dein Nervensystem regulieren

Es gibt einen ganz bekannten Satz: Während du singst, kannst du keine Angst haben.

Und aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen: Singen hat mir unglaublich viel Sicherheit im Körper gegeben. Mehr Selbstbewusstsein. Mehr Selbstvertrauen.

Und versteht mich nicht falsch – ich liebe Persönlichkeitsentwicklung, Coaching und Therapie. Ich lege jeder Person ans Herz, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und Themen aufzuarbeiten.

Gleichzeitig habe ich aber erlebt, dass sehr gesprächsorientierte Ansätze oft das Nervensystem und die Körperebene vernachlässigen.

Mir persönlich hat das Singen genau dort geholfen.

Denn Singen bringt uns aus dem Kopf in den Körper. Es reguliert das Nervensystem, baut Stress ab und gibt Halt.

Und deshalb bin ich auch der Meinung: Singen sollte verschrieben werden. Gesangsunterricht sollte es auf Rezept geben.

Nicht, weil man „schöner“ singen will.
Sondern weil Singen uns stabilisiert. Erdung gibt. Und uns wieder in Kontakt mit uns selbst bringt.

Wenn du mehr dazu lesen willst, schau mal in diesen Artikel: Singen ist gesund: 17 Effekte auf Körper, Psyche & Nervensystem

Vielleicht wolltest du schon immer singen


Wenn ich auf meine 15 Jahre Gesangsunterricht zurückblicke, dann merke ich vor allem eines:
Singen war für mich nie nur Technik.

Es war immer ein Ort, an dem ich bei mir ankommen konnte. Ein Raum, in dem ich mich sicherer gefühlt habe. Im Körper. In mir selbst.

Ich werde deshalb auch weiterhin selbst regelmäßig Gesangsunterricht nehmen. Nicht, weil mir Wissen fehlt – sondern weil jede*r Vocal Coach ein äußeres Ohr braucht. Und weil es einfach unglaublich gut tut, sich bewusst Zeit für das zu nehmen, was man liebt.

Vielleicht liest du diesen Artikel gerade und denkst:
Eigentlich wollte ich schon immer singen. Eigentlich wollte ich schon lange Gesangsunterricht nehmen. Oder wieder anfangen.

Wenn das so ist, dann nimm diesen Gedanken ernst.

Du brauchst keine perfekte Stimme. Keine Vorerfahrung. Kein Equipment.
Du brauchst nur die Bereitschaft, dich auf deine Stimme einzulassen.

Wenn du magst, dann buch dir gerne eine kostenlose Online-Probestunde.
Wir schauen gemeinsam, wo du gerade stehst, was deine Stimme braucht und wie sich Singen für dich leichter und sicherer anfühlen kann.

Ich freu mich, dich kennenzulernen. 🤍

Über die Autorin

Gesangscoach stellt sich vor

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